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00:05 01.05.2021
Anita und Günter Lichtenstein inmitten ihrer Sammlung in Göpfersdorf. Foto: Jens Paul Taubert

Göpfersdorf. Kunst sammeln heißt für Anita und Günter Lichtenstein: Begeisterung teilen, Menschen zusammen bringen, Neues anregen. Das abgelegene Göpfersdorf ist eine gute Adresse, doch über die Kreisgrenzen hinweg nur recht wenigen bekannt. Das Unternehmer-Paar trug 10 000 Werke zusammen und verwahrt sie in einer Stiftung.

Keiner verirrt sich nach Göpfersdorf. Wem das Dorf Ankunft ist, der unterliegt keinem Irrtum. Suchmaschinen, genährt mit den Begriffen Lichtenstein und Stiftung, stoßen zuoberst auf diese Verheißung: Wie Sie eine gemeinnützige Stiftung in Liechtenstein gründen wollen, lesen Sie hier! Das ist so symptomatisch wie fatal. Denn es geht nicht um jenes sagenumwobene Fürstentum Liechtenstein im Alpenraum zwischen Österreich und der Schweiz, sondern um das Ehepaar Lichtenstein im Altenburger Land.

Nichts liegt Anita und Günter Lichtenstein ferner, als Familienvermögen in einem fürstentümlichen Hafen zu verwahren. Als Unternehmer über Generationen verwachsen dem Boden im idyllischen Winkel zwischen Leipziger Tieflandsbucht, Osterland und Vorerzgebirge, geht es ihnen im Gegenteil um Sicherung wie Sichtbarmachen von bildender Kunst. Sammeln allein ist der Reiz nicht, nicht das Besitzen: Ihre Ausstellungen geben Künstlern ein Podium. Das Paar verlegt originalgrafische Mappen, lädt Bildhauer ein zu gemeinsamer Arbeit. Kunst führt in Göpfersdorf Menschen zusammen, über Systembrüche und Herkünfte hinweg.

„Meiner Frau und mir waren Künstler wichtig, die eine unverwechselbare künstlerische Handschrift entwickelt haben und einen kritischen Beitrag in die Kunst der DDR einbrachten“, blickt Günter Lichtenstein auf die Ursprünge des Kunst-Interesses beider zurück. Nachvollziehen lässt sich das in jenem soeben erschienenen, mehr als 360 Seiten starken Band der Stiftung, der die „Zeichnungen und andere Unikate auf Papier“ vorstellt. Er komplettiert jene Kompendien zu Malerei und grafischen Mappen.
    


Günter Lichtenstein, dessen Eltern vor der Kollektivierung einen Bauernhof in Niedersteinbach bewirtschafteten, waren eingangs der siebziger Jahre Namen wie Gerhard Altenbourg und Carlfriedrich Claus, Baldwin Zettl und Karl-Georg Hirsch, Werner Wittig und Claus Weidensdörfer kein Begriff. „Ich habe mich für Bücher interessiert. Habe sie in Altenburg in Metern bestellt und kam als Selbstständiger doch kaum zum Lesen“, erinnert sich Lichtenstein an Begegnungen mit dem Buchhändler Max Reinhold, der ihn aufmerksam machte auf illustrierte Bücher, auf Grafik. Gerade 22 war der gelernte Stellmacher, als er 1970 das Unternehmen seines Großvaters Kurt Schmidt in Göpfersdorf übernahm (und später eigens Binnenhandels-Ökonomie studierte). Der „Leitermann“ bot nicht nur Leitern und Holzerzeugnisse an, auch Werkzeuge und Eisenwaren. Bis 1989 war der private Betrieb der zweitgrößte im Bezirk Leipzig, der sich staatlicher Vereinnahmung zu widersetzen verstand.

„Als wir unsere Wohnung einrichteten, brauchten wir etwas für die Wände.“ Die Gemeinschaftsarbeit von Frieder Heinze und Olaf Wegewitz „Musica Naturalis“, erworben 1980 bei Hans-Peter Schulz in der Leipziger Galerie Am Sachsenplatz, zählte zu den ersten bewusst erworbenen Blättern. Bestärkung erfuhr Lichtenstein durch den Grafiker Theo Hesselbarth (später Schöpfer der Leuchtreklame der „Leipziger Löffelfamilie“ in der Südvorstadt), der das markante Logo des „Leitermanns“ kreierte. Die Initialzündung aber bedeutete ein Geithainer Atelierbesuch bei Rolf Münzner, Steindrucker und Lithograph, Lehrer an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Ein Kosmos öffnete sich. „Du hast einen anderen Zugang, wenn Du die Künstler kennst, ihre Weltsicht erkundest, ihren Schaffensprozess begleitest“, sagt Lichtenstein.

Wann immer er unterwegs war im Süden der DDR, er hielt Ausschau nach grafischen Blättern. „Die DDR war ein Grafik-Land. Da gab es eine ungeheuere Vielfalt.“ Umso mehr, seit mit der Gründung des Staatlichen Kunsthandels – paradoxerweise zur selben Zeit, da die zweite Verstaatlichungswelle über die Privatwirtschaft hinweg rollte – Galerien entstanden. Grafik war zudem ein Medium knapp unter dem Radar der Zensur; Gedrucktes sonst unterlag Reglementierung. Die Freiräume, die Kunst und Künstler immer selbstbewusster besetzten, waren die, in denen Anita und Günter Lichtenstein nicht nur fündig wurden, sondern heimisch.

Hammer zuhause

Dass sie erst nach dem Umbruch, erst 1991, mit ihrer auf Tausende Werke angeschwollene Sammlung in die Öffentlichkeit traten, lag begründet in deren latenter Subversivität und in der Sorge, des Bestandes durch behördlichen Eingriff verlustig zu gehen. „100 Werke aus der Sammlung Lichtenstein“ zeigte das Lindenau-Museum Altenburg im Sommer vor 30 Jahren. Im selben Jahr gab Lichtenstein die erste grafische Mappe heraus: Für „Das Lächeln am Fuße der Leiter“ – der Titel Fingerzeig auf Joan Miros und Henry Millers gemeinsames Buch selben Namens, aber auch auf die Unternehmens-Biografie – gewannen sie Olaf Wegewitz, Frieder Heinze, Hartwig Ebersbach und Rolf Münzner. In den Jahren seither sprach er mehrfach Künstler an, um originalgrafische Mappen zu edieren.

Die ersten neunziger Jahre brachten Entgrenzung, Entwertung auch. „Dass der Leitermann zu DDR-Zeiten ein Geheimtipp war, erwies sich nun als Nachteil wie die abseitige Lage“, sagt Günter Lichtenstein. Mehrere Jahre rang er, das Unternehmen neu auszurichten, zu konsolidieren. Die Wege, die ihn dabei tief in den Westen der Republik führten, öffneten ihm Augen für das Vorenthaltene an Kunst. Doch nach ersten Begegnungen etwa mit der Pop-Art, mit dem frappierenden Fundus dortiger Museen, kühlte sich die Begeisterung ab. „Alle glaubten plötzlich, sie müssten ihre Sammlung um westdeutsche Kunst erweitern, internationaler machen. Ich dachte das nicht.“ Er erkannte die Geschlossenheit seiner Sammlung als unwiederbringlichen Wert, umso mehr, als ostdeutsche Kunst plötzlich abgewertet, gar denunziert wurde. Lichtensteins Reaktion: Werke von Künstlern kaufen, die im öffentlichen Raum des Ostens zu Hunderten abgehängt wurden. So gesellte sich zur Grafik die Malerei.

„Die Lichtensteins haben für die Kultur in diesem Raum so viel getan, das ist gigantisch, atemberaubend“, sagt Rolf Münzner (79). Beide hätten Kunst und Künstler gefördert, Menschen zusammen geführt, durch die Sanierung diverser Fachwerk-Gebäude in Göpfersdorf und im benachbarten Garbisdorf nicht nur Orte für Ausstellungen geschaffen, sondern Heimat- und Kulturpflege in ursprünglichem Sinn angeschoben. Dass die Messe Art Frankfurt Günter Lichtenstein 1999 den AdamElsheimer-Preis für Kunstvermittlung zuerkannte, leuchtet ein. Der Holzstecher Karl-Georg Hirsch (82), dem nach Leipzig Dölitzsch zur geschätzten Adresse wurde, nennt Göpfersdorf „ein Stück erweiterter Heimat“. Das Buch „Viergespann“ mit Blättern von Münzner, Schnürpel, Zettl und ihm war 2008 der Auftakt: „Wir hatten sofort einen Draht zueinander.“ Viele seiner Zeichnungen weiß Hirsch hier verwahrt.

„Es wäre schön, wenn die Sammlung unter dem Namen Lichtenstein erhalten bliebe“: Aus diesem Wunsch beider entstand 2012 die Anita-und-Günter-Lichtenstein-Stiftung. Eine Entscheidung, die – in der Familie breit diskutiert – von den Kindern mit getragen wird. Und eine Verantwortung, die in die Zukunft weist. 68 Jahre alt ist sie, 73 Jahre er. Die Stiftung be- und verwahrt nicht nur, sie macht Kunst Öffentlichkeit zugänglich. Sie lobt ein Druckgrafik-Stipendium aus, unterstützt das Bernhard-von-Lindenau-Stipendium des Altenburger Museums, gibt Mappen und Kataloge heraus. Das 20. Holzbildhauer-Plenair fiel 2020 Corona-bedingt aus. „Wir wollen es dieses Jahr nachholen. Das Holz ist eingelagert, der Katalog zum Jubiläum gedruckt – die Künstler warten auf den Termin.“ Während die Schau zum 300. Geburtstag des Freiherrn von Münchhausen im vergangenen Jahr eingeschränkt stattfinden konnte, ist der Ausstellungsplan seither in Verzug: Patrick Fauck musste passen, Siegfried Otto-Hüttengrund ist in der Warteschleife.

„Wir wollen anders sein.“ – Günter Lichtensteins Credo ist griffig, Gegenstück von konfrontativ. Um Behauptung, um Identität geht es ihm, „um das Entwickeln einer eigenen Handschrift. Das habe ich durch die Kunst gelernt. Und das habe ich immer auch auf uns und auf die Firma bezogen.“ Als in den achtziger Jahren immer mehr Künstler dem Land des Rücken kehrten, habe man das schmerzhaft diskutiert – und für sich verworfen. Der Platz sei tragfähig hier, wo Vorfahren seit sechs Jahrhunderten siedelten. Rund 10 000 Grafiken, Zeichnungen, Gemälde, aber auch Plastiken und Objekte, trugen Lichtensteins zusammen. Zu den Schätzen zählt jener Raum, den Walter Libuda 1988 ausmalte und mit einer Skulptur versah. Bleibt da ein Wunsch offen? Durchaus, sagt Lichtenstein: „Ich ärgere mich, dass ich zwar Druckgrafiken, aber keine Zeichnung von Mattheuer hab.“ Seit 2008 gibt der E. Reinhold Verlag Altenburg die Göpfersdorfer Kunstblätter heraus. Im selben Verlag erschienen Bände zum Stiftungsbestand wie jener zu den Zeichnungen. E. Schulreich

www.lichtenstein-stiftung.de
   

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