Menü
Anmelden
Wetter Schneefall
0°/-1°Schneefall
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland

Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig

Home Sonderthemen Wurzen-Grimma & Region Allein unterm Weihnachtsbaum?
01:05 19.12.2020
In der Weihnachtszeit sind manche Menschen noch einsamer, als sie es ohnehin sind. Foto: Pech Frantisek/Pixabay.com

Weihnachten kann eine Belastungsprobe sein – insbesondere für ältere und einsame Menschen. Die Corona-Pandemie in diesem Jahr verstärkt die Ängste. Ein offenes Ohr für Senioren gibt es bei dem bundesweiten Einsamkeitstelefon „Silbernetz“. Ein Gespräch mit der Berliner Initiatorin Elke Schilling (76), die aus Leipzig stammt.

Frau Schilling, wie beeinflusst die Corona-Pandemie die Arbeit der Silbernetz-Hotline?

Corona verstärkt die Einsamkeit. Wir haben in diesem Jahr vermehrt mit dem Phänomen zu tun, dass Anrufer von Lebensmüdigkeit berichten. Menschen, die verzweifelt sind, weil sie ihr persönliches Maß an verbleibender Lebenszeit gegen die Ungewissheit der Dauer der Corona-Bedingungen abwägen. Einer sagte neulich zu mir: Vor die Wahl gestellt, ob ich an Corona oder Einsamkeit sterbe, würde ich Corona wählen.

Wie erklären Sie sich diese Aussagen? 

Elke Schilling Foto: Gordon Welters
Elke Schilling Foto: Gordon Welters

Wenn niemand da ist, mit dem ich reden kann, wächst das Problem, weil es nicht geteilt werden kann. Dazu kommt die anhaltende Ungewissheit. Im Alter wird man in vieler Hinsicht dünnhäutiger. Man ist rascher betroffen von etwas, was man in jüngeren Jahren schneller wegwischen kann. Einsamkeit gilt zudem als Defizit, und über Defizite zu sprechen, fällt Männern meist deutlich schwerer. Durch Corona ist Einsamkeit etwas aus der Tabuzone gerückt.

Was erwarten Sie für die Weihnachtstage?

Im Schnitt haben wir derzeit 110 bis 140 Anrufer am Tag. An den Feiertagen rechnen wir mit 200 bis 300. Wir haben unser Team von 16 Festangestellten um 25 Freiwillige verstärkt und hoffen, dass wir es damit schaffen, rund um die Uhr erreichbar zu sein.

Wie helfen Sie Anrufern, mit der Einsamkeit zurechtzukommen?

Wir können beispielsweise darüber reden, was sie in ihren Zustand gebracht hat oder was anders sein könnte. Das kann bereits zu einer Entlastung des Leidensdrucks führen. Dann haben wir das Angebot der Silbernetzfreundschaften. Zu einer fest vereinbarten Zeit rufen unsere ehrenamtlichen Silbernetz-Freundinnen und -Freunde ihren älteren Menschen für eine Stunde an. Die reden dann jede Woche miteinander. Das ist Verlässlichkeit, die gut tut und Vertrauen und Nähe schafft. Unsere ältesten Freundschaften sind schon über zwei Jahre alt.

Haben Sie einen Tipp, damit die Corona-Weihnacht doch noch schön wird für die, die allein bleiben müssen?

Ich habe weniger einen Tipp für Einsame – die können uns jederzeit anrufen. Es sind die Nachbarn, an die ich appellieren möchte. Ich fand es sehr berührend, als ich im ersten Lockdown im Frühjahr in meinem Briefkasten einen Zettel von meinem Nachbarn fand: Ich bin da, so erreichst du mich. So etwas kann Türen öffnen. Im ersten Lockdown hat es viele solcher Gesten gegeben. Zu Weihnachten hoffe ich, dass weit mehr davon möglich sind.

Kontakt zum „Silbernetz“

Seit 2018 bietet „Silbernetz“ Telefonhilfe für ältere Menschen, die allein sind. Zunächst nur in Berlin, ist die Hotline seit März 2020 überall in Deutschland erreichbar.

Telefonhotline: 0800 4708090 (Anruf kostenfrei) Täglich von 8 bis 22 Uhr Vom 24. Dezember 2020 bis zum 1. Januar 2021 sogar rund um die Uhr erreichbar

www.silbernetz.org

4
/
9