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Home Sonderthemen Energie & Umwelt Leipzig: Höher, schneller, weiter? Es geht auch anders
10:36 13.11.2020
Im Café Kaputt in der Merseburger Straße erhalten Besucher Hilfe beim Reparieren ihrer Gegenstände.

Egal, ob alter Diaprojektor, kaputtes Handy oder zerrissene Kleidung: Was andere Leute wegwerfen, erwacht im „Café Kaputt“ in der Merseburger Straße zu neuem Leben. Hier können Hobbytüftler mit oder ohne Vorwissen unter Anleitung von erfahrenen Helfern Dinge reparieren, die ansonsten im Müll landen würden.

Gegründet wurde das Café 2013 von Lisa Kuhley und Anne Neumann. Das Prinzip ist einfach: Wer einen kaputten Gegenstand hat, kann eine der drei Sprechstunden besuchen – Heimwerken, Elektro, Textilien – und sich bei der Reparatur von einem der 33 freiwilligen Helfer beraten lassen. Eine Garantie, dass die Reparatur glückt oder jemand die erforderlichen Kenntnisse hat, gibt es jedoch nicht. Seit Eröffnung konnten jedoch knapp 1000 Gegenstände erfolgreich repariert werden, wie aus der Statistik des Netzwerk Reparatur-Initiativen hervorgeht. Dadurch, so heißt es auf der Webseite, habe man zehn Tonnen CO2 einsparen können – das entspricht etwa einem Flug um den Äquator.


„Wir sind eine kleine Insel, die Dinge anders machen will“

Das Café Kaputt versteht sich jedoch nicht nur als reines Reperaturcafé im Sinne der Nachhaltigkeit, sondern auch als Bildungsprojekt. „Alles, was wir machen, ist Bildung. Wir geben Reparatur- und Handwerkswissen weiter und setzen dabei auf lebenslanges Lernen“, erklärt Lisa Kuhley. Umgekehrt bringe auch jeder Helfer neues Wissen mit. Außerdem werden regelmäßig Workshops, etwa zur Wegwerfgesellschaft, oder Bildungsausflüge angeboten. Den Bildungsaspekt will das Café auch künftig weiter stärken. „Wir sind eine kleine Insel, die Dinge anders machen will und auf der es viel Austausch zwischen unterschiedlichen Gruppen gibt.“



Der Trend zu mehr Gemeinwohl ist durch die Corona-Krise noch wichtiger geworden."

Timo Meynhardt, Professor für Wirtschaftspsychologie und Führung


Teilen, verschenken, Nachbarn kennenlernen

Ganz der Nachhaltigkeit verschrieben hat sich auch Franziska Frank, Inhaberin des Unverpackt-Ladens „Lieber Lose“ in Plagwitz. Seit Jahren nutzt sie bereits die Nachbarschaftsplattform „nebenan.de“ – beruflich wie privat. Nebenan.de ist ein soziales Netzwerk, das den Aufbau und die Förderung von Nachbarschaften zum Ziel hat. Seit 2020 ist die Plattform Teil des Medienhauses Burda. In Deutschland verzeichnet die Plattform aktuell 1,6 Millionen Mitglieder. In Leipzig sind es 28 000. Dabei registrierte nebenan. de nach Unternehmensangaben insbesondere zu Beginn der Corona- Krise Mitte März ihren stärksten Mitgliederzuwachs. Die Zahl der täglichen Neuanmeldungen habe sich seit Mitte März verfünffacht.

Eine Möglichkeit, nebenan.de nachhaltig zu nutzen, ist das Teilen, Tauschen, Verschenken von Lebensmitteln, Kleidung oder Werkzeug. So jedenfalls nutzt Franziska Frank das Netzwerk. Für ein Straßenpicknick vor ihrem Laden konnte sie sich über die Plattform viele Gegenstände einfach leihen. „Ich war ziemlich entzückt von der Hilfsbereitschaft der Leute“, erinnert sie sich. Neben dem praktischen Nutzen lernt Frank so auch ihre Nachbarschaft besser kennen. „Nachbarschaft ist Nähe, und die Plattform kann diese Nähe herstellen.“

Erhöhte Nachfrage durch Corona-Krise

„Unser Ziel ist es, mit der Plattform einen positiven Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt zu leisten“, sagt auch Unternehmenssprecherin Rosanna Steyer. „Wir sind eins der ersten Sozialunternehmen in Deutschland, das seine soziale Wirkung misst und im ‚Social Impact Report‘ veröffentlicht.“ Eine interne Analyse von 2019 zur sozialen und ökologischen Wirkung der Plattform zeige: „Die Plattform trägt dazu bei, die lokale Gemeinschaft zu stärken, das Gefühl von Vertrauen, Zugehörigkeit und Wohlbefinden zu steigern und Isolation und Einsamkeit entgegenzuwirken.“

Orientierung am Gemeinwohl

Es zeigt sich: Sowohl das Café Kaputt als auch nebenan.de setzen nicht nur auf Nachhaltigkeit allein. Ihr Angebot bedient auch andere Werte wie Bildung oder Nachbarschaft. Kurz: Sie orientieren sich an den Bedürfnissen des Gemeinwohls.

Timo Meynhardt ist Professor für Wirtschaftspsychologie und Führung an der HHL Leipzig Graduate School of Management und Managing Director des Center for Leadership and Values in Society in St. Gallen. Im September dieses Jahres veröffentlichten er und sein Team der HHL den Gemeinwohlatlas der Stadt Leipzig. Er sagt: „Der Trend zu mehr Gemeinwohl ist ein ganz starker Trend, der anhält und durch die Corona-Krise noch wichtiger geworden ist.“ Die Krise verdeutliche, wie sehr jeder in der Gesellschaft voneinander abhänge. „Bei der Umfrage zum Leipziger Gemeinwohatlas 2020 gaben 60 Prozent der Teilnehmer an, dass das Gemeinwohl für sie an Bedeutung gewonnen hat“, so der Wissenschaftler.

„Für viele ergibt ein ‚höher, schneller, weiter‘ keinen Sinn mehr“

Darüber hinaus sieht Meynhardt die Entwicklung in einen tieferen Wertewandel eingebettet, der schon länger zu beobachten sei – und sich etwa in der Fridays-for-Future-Bewegung oder an Zweifeln am reinen Konzept der Profitmaximierung zeige. „Für viele ergibt bei der gesellschaftlichen Lage ein ‚höher, schneller, weiter‘ keinen Sinn mehr.“ Sie suchten daher nach neuen Sinnangeboten, die das Leben für alle besser machen. Und das, so Meynhardt, sei wiederum auch besser für das eigene Ego. Von Bastian Schröder

Zusammen gegen Einsamkeit und knappen Wohnraum

Der Wunsch, gemeinsam in einem Hausprojekt zu leben, ist weit verbreitet. Das soziale Netzwerk Patchwork Communities stellt auf www.bring-together.de verschiedene Wohnmöglichkeiten vor. Das Leipziger Start-up bringt auf seiner Internet-Plattform passende Mitstreiter und Projekte für gemeinschaftliche Wohnformen zusammen. Singles, Paare, aber auch Kommunen können sich im Netzwerk registrieren. Wer mitmacht kann seine Wünsche und Vorlieben für den Bereich Wohnen und Leben angeben, wählen, ob man ein Projekt starten oder Gleichgesinnte suchen möchte und das Matching beginnt.

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