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Home Sonderthemen Sport & Fitness Chemie Leipzig – gekommen, um zu bleiben
08:53 29.07.2019

Keine Frage: Als Chemie 2017 in die Oberliga abstieg, waren Trauer und Frust groß – doch in Leutzsch ist man leidensfähig. „Man muss es realistisch sehen“, sagt Frank Kühne, Präsident der BSG Chemie. „Wir sind es eher wie ein Abenteuer angegangen und gesagt, wenn der Kader finanziell gesund bleibt, nehmen wir diesen Aufstieg mit. Anfangs hatten wir das Niveau etwas unterschätzt, in der Rückrunde haben wir dann das Maximum herausgeholt.“

Die Art und Weise, wie Mannschaft und Umfeld mit dem Abstieg umgingen, macht Kühne stolz: „Es hat uns nicht aus der Bahn geworfen, wir haben vielmehr in Ruhe an den nötigen Stellschrauben gedreht.“ Wichtig auch, dass der ganze Verein im Anschluss die Ärmel hochkrempelte und auch, dass viele Spieler mit Regionalliga-Format den Weg eine Liga tiefer mitgingen. Auch der Ende 2018 von Miroslav Jagatic abgelöste Cheftrainer Dietmar Demuth habe einen „Riesenanteil“, sagt Kühne. „Wir hatten mit der Ankündigung des Wiederaufstiegs ein bisschen Druck auf dem Kessel, aber die Jungs haben das bravourös gemacht.“ Am Ende stand der Sieg im Zweikampf mit Verfolger Luckenwalde und die ersehnte Rückkehr in die vierte Liga. Nun stehen wieder die Derbys mit dem 1. FC Lok an, nun warten attraktive Gegner wie Energie Cottbus, Rot-Weiß Erfurt oder Babelsberg 03. Das Ziel ist ganz klar der Klassenerhalt.
  

Und dann kannte der Jubel keine Grenzen mehr: Nach dem 2:1-Sieg über den FC Eilenburg herrschte im heimischen Alfred-Kunze-Sportpark die pure Freude bei Spielern und Fans. Fotos: Christian Donner/BSG Chemie
Und dann kannte der Jubel keine Grenzen mehr: Nach dem 2:1-Sieg über den FC Eilenburg herrschte im heimischen Alfred-Kunze-Sportpark die pure Freude bei Spielern und Fans. Fotos: Christian Donner/BSG Chemie

Neun Abgängen stehen neun Zugänge gegenüber, verpflichtet wurden neben hungrigen, vielversprechenden jungen Spielern auch gestandene Regionalliga-Kicker wie Benjamin Boltze oder Denny Krahl. Die höchsten Wellen schlug aber der Wechsel von Torhüter Benjamin Bellot ins Leutzscher Holz – der war immerhin noch bis vor kurzem Profi.


1286 - So viele Dauerkarten hat die BSG Chemie Leipzig im vergangenen Jahr verkauft – und bis zum Redaktionsschluss dieses Spezials am Mittwochnachmittag wurde dieser Rekord bereits eingestellt.

„Das ist großartig! Ich bin überzeugt, dass wir bis zur nächsten Woche ein traumhaftes Gesamtergebnis erreichen. Dafür sind wir unseren treuen Anhängern sehr dankbar, sagte Geschäftsstellenleiter Patrick Schumann.


Auch infrastrukturell soll sich einiges bewegen im Alfred-Kunze-Sportpark (AKS). Genau genommen: darunter. Denn viele der Strom-, Wasser-, Abwasser- und Gasleitungen rund um den AKS müssen dringend saniert werden. Stadt und Land haben beschlossen, für diese Sanierung einen mehrstelligen Millionenbetrag bereitzustellen. Das ist wichtig, war aber auch erwartbar, sagt Präsident Kühne: „Denn bevor wir einen längeren Erbpachtvertrag eingehen können, muss uns die Stadt ja eine vermietfähige Sportstätte zur Verfügung stellen.“ Er stellt zugleich klar: „Wir arbeiten im Moment sehr gut mit der Stadt zusammen.“

Wir hatten Druck auf dem Kessel, aber die Jungs haben das bravourös gemacht. Frank Kühne, Präsident
Wir hatten Druck auf dem Kessel, aber die Jungs haben das bravourös gemacht. Frank Kühne, Präsident

Ein ebenfalls großes Projekt ist das Flutlicht. Hier hat der Verein eine Bauvoranfrage gestellt, auch für weitere Gutachten zur Lichtemission und zum Baugrund sind wichtige Schritte getan. „Jetzt kommt das ganze Rad so langsam ins Drehen“, fasst Kühne zusammen. Zentral für all diese Vorhaben: die Finanzierung. Bei steigenden Mitgliederzahlen, steigendem Dauerkartenverkauf und steigenden Zuschauerzahlen ist Kühne und seinen Vortandskollegen nicht bange – auch das Konto der Kampagne „Flutlicht für Leutzsch“ füllt sich. „Dass wir zum ersten Mal überhaupt ein Flutlichtspiel in Leutzsch stattfinden lassen konnten, ist sensationell.“

Chemie ist ein Amateurverein – es braucht Menschen wie die fünf hier vorgestellten, die tagtäglich mit Herz und Leidenschaft für ihren Verein arbeiten. Fotos: privat (4), Nadin Barnstorff

„Man muss nicht suchen oder Abwägungen treffen. Die BSG findet dich und es gibt kein Entkommen. Ganz einfach weil es passt. “

René Jacobi, Mediensprecher

  
  
  

„Ich engagiere mich bei Chemie, weil Chemie für mich und viele andere nicht nur einfach ein Fußballverein ist, sondern auch Lebensinhalt. Chemie ist unabhängig, bunt, offen und positioniert sich klar antirassistisch.“

Martin Schmeißer, Familienblock-Initiator und Head of IT
  

„Chemie begleitet mich bereits mein gesamtes Leben. Seit der Wiederaufnahme 2008 ist es wohl das größte Fanprojekt in Deutschland. Hierzu meinen Beitrag zu leisten und Chemie wachsen zu sehen, erfüllt mich mit Stolz.“

Florian Berger, Schatzmeister
  

„Ich engagiere mich für Chemie, weil ich in diesem Verein viele tolle Menschen kennengelernt habe, mit denen bis heute tiefe Freundschaften bestehen. Ich kann mich auf und neben dem Platz immer auf die Chemiker verlassen.“

Dennis Kuhrig, Nachwuchskoordinator Großfeld
 

„Der Verein mit seiner Stellung, seinen Fans und der gesellschaftlichen Verantwortung hat meiner Meinung nach das größte Potenzial in Leipzig. Das hat mich sehr gereizt. Bei Chemie fühle ich mich wohl, hier macht auch das Arbeiten Spaß“

Felix Haag, Nachwuchskoordinator Kleinfeld

Leutzscher Vergangenheit – und Zukunft

Schon drei Jahre her: Chemies sportlicher Leiter Andy Müller im Spiel gegen Kamenz. Auf dem kleinen Foto: Benjamin Bellot, über dessen Wechsel nach Leutzsch sich viele Fans sehr freuten. Fotos: BSG Chemie Leipzig, Christian Modla
Schon drei Jahre her: Chemies sportlicher Leiter Andy Müller im Spiel gegen Kamenz. Auf dem kleinen Foto: Benjamin Bellot, über dessen Wechsel nach Leutzsch sich viele Fans sehr freuten. Fotos: BSG Chemie Leipzig, Christian Modla

Als grün-weißer Stürmer jubelten ihm die Fans wegen seiner zahlreichen Tore zu, nun wirkt er eher im Hintergrund. Doch Andy Müller-Papras Einfluss auf das Spielgeschehen ist heute fast größer als zuvor: Als sportlicher Leiter der BSG Chemie Leipzig verantwortet er die Kaderplanung der ersten Mannschaft.

Ihre Kaderplanung hat im chemischen Umfeld viel Lob erhalten. Was ist Ihr Geheimnis?

Anfangs mussten wir noch zweigleisig planen, also sowohl für die Ober- als auch für die Regionalliga. Deshalb haben wir vorrangig mit Spielern gesprochen, die in Leipzig wohnen oder eine Leutzscher Vergangenheit haben und die mit uns auch den Weg in die Oberliga gehen würden. Mit der Zeit hat es dann immer mehr Form angenommen, dass wir den Aufstieg in die Regionalliga schaffen. Dann fiel es leichter.

Welcher Neuzugang stand schon lange auf dem Zettel?

Benjamin Boltze hatte auch für die Oberliga sein Okay gegeben. Er ist ja auch einer mit Leutzscher Vergangenheit, und er hatte das Ziel, irgendwann einmal nach Leipzig zurückzukommen. Wir wollten ihn gerne haben, auch weil er der Mannschaft ein Stückweit ein Gesicht geben kann. Er ist Rechtsverteidiger, aber variabel einsetzbar, was angesichts der Verletzungen von Andy Wendschuch und Marc Böttger wichtig ist. Björn Nikolajewski stand auch schon längere Zeit bei uns im Fokus. Er spielt eine sehr gute Vorbereitung und auch er ist eine Alternative auf der Sechser-Position.

Welcher Spieler hat zuletzt die beste Entwicklung genommen?

Da gibt es einige, aber für mich war es in den letzten Jahren Stefan Karau. Das ist ja kein junger Spieler mehr, aber er hat in den letzten zwei Jahren immer weiter Schritte nach vorn gemacht und immer hart an sich gearbeitet. Das ist einer, der über den Kampf kommt und immer vorneweg geht, was als Kapitän auch wichtig ist. Gut entwickelt haben sich auch die jungen Spieler Max Keßler und Philipp Wendt.

Dass Benjamin Bellot kommt, war die Überraschung der Sommerpause. Wie hartnäckig mussten Sie anklopfen?

Am Anfang stand die lose Idee, ihn mal zu kontaktieren, also habe ich ihn einfach mal angerufen. Ich war etwas überrascht, dass er wirklich interessiert war. Ich habe mich dann wöchentlich bei ihm gemeldet, und mit der Zeit wurden die Chancen immer besser. Als sich auch nochmal Frank Kühne mit ihm unterhielt, konnten wir ihn für uns gewinnen. Die wunderschöne Stadt Leipzig, eine berufliche Perspektive und natürlich die BSG Chemie Leipzig spielten in seiner Entscheidung, für uns zu spielen, eine wesentliche Rolle. Wir hoffen, dass wir ihn halten können.


Träume wahr werden lassen

Die historische Holztribüne erstrahlt im Flutlichtschein – zum ersten Mal überhaupt. Die Sanierung der Tribüne lag und liegt dem Förderverein am Herzen. Foto: BSG Chemie Leipzig/Christian Donner
Die historische Holztribüne erstrahlt im Flutlichtschein – zum ersten Mal überhaupt. Die Sanierung der Tribüne lag und liegt dem Förderverein am Herzen. Foto: BSG Chemie Leipzig/Christian Donner

In der Stadt, rund um den Alfred-Kunze-Sportpark, auf der Anzeigetafel: Die 64 ist in Leutzsch eine ganz besondere Zahl. Sie ist natürlich ein Verweis auf 1964, das Jahr, in dem die BSG Chemie als „Rest von Leipzig“ für viele überraschend DDR-Fußballmeister wurde. Sie ist aber auch Anspruch und Ansporn für den Förderverein der Grün-Weißen: Bald sollen es 64 Sympathisanten sein, die jeden Monat 64 Euro für die BSG sammeln. Das klingt nicht viel – über die Zeit wächst aber eine ordentliche Summe heran.

Etwa kurz vor Weihnachten im vergangenen Jahr, als Jörg Theile, Vorsitzender des Fördervereins, gleich drei Spendenschecks übergab: Der Nachwuchs konnte sich über 2500 Euro freuen, die Kampagne „Flutlicht für Leutzsch“ erhielt 10 000 Euro und für den neuen Kunstrasenplatz kamen stolze 24 000 Euro zusammen. Neben dem Flutlicht ist das Kunstrasenfeld der größte Brocken, erklärt Vorsitzender Jörg Theile – und daneben gibt es im AKS bekanntlich so einiges zu tun. Größere Projekte der Vergangenheit waren etwa die Sanierung der historischen Tribüne oder die mittlerweile ausgezeichnet hergerichtete Turnhalle. „Immer an vorderer Stelle steht die Förderung unseres Nachwuchses“ sagt Jörg Theile.

Die Marke von insgesamt 100 000 Euro seit seiner Gründung hatte der Verein schon 2017 geknackt. Mit zehn weiteren Gleichgesinnten hatte Jörg Theile 2012 den Förderverein aus der Taufe gehoben. „In diesem Jahr konnten wir das 57. Mitglied begrüßen“ freut sich der Vorsitzende. „Wir haben eine Mischung aus ganz verschiedenen Leuten, es sind Angestellte dabei, Selbstständige, Vertreter von Fanclubs, auch Mitglieder des Aufsichtsrats und des Vorstands.“ Zugleich dient der Förderverein als Anlaufpunkt und Ansprechpartner für Einzelspender. Der jeweils aktuell dringende Finanzierungsbedarf wird unkompliziert auf regelmäßigen Treffen abgestimmt – eine gute Möglichkeit, ganz allgemein auf dem neuesten Stand zu bleiben, was die Vorgänge im Verein betrifft.

Je mehr Mitglieder der Förderverein hat, desto stärker kann er die BSG unterstützen. Deshalb suchen Jörg Theile und seine Mitstreiter weiter nach Menschen, denen die chemische Familie so nahesteht wie ihnen und die ihren Beitrag in finanzieller Unterstützung sehen. 57 Mitglieder – da sind die berühmten, die magischen 64 gar nicht mehr weit. Und „für Nummer 64“, sagt Jörg Theile, „fällt uns bestimmt etwas ganz besonderes ein.“

foerderverein@chemie-leipzig.de
www.fv-64.de

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