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Themenwelten
11:30 09.11.2020
Eine grün-rötliche Leidenschaft: Biogärtnerin Isabel Matthias von der Solidarischen Landwirtschaft (Solawi) „Ackerilla“ in Taucha bei der Tomatenpflege. Foto: André Kempner

Sie tragen Namen wie Schwarze Sarah, Ochsenherz oder Ruthje – und sind die grün-rötliche Leidenschaft von Isabel Matthias: Mehr oder weniger seltene Tomatensorten, die die 31-jährige Biogärtnerin in einem hallengroßen Folienzelt hegt und pflegt. Die Leipzigerin hat sich mit fünf Gleichgesinnten zur Solidarischen Landwirtschaft (Solawi) „Ackerilla“ zusammengeschlossen.

Gemeinsam wird im Nordosten, hinter der Stadtgrenze von Taucha (Landkreis Nordsachsen), auf gut vier ihrer insgesamt 15 Hektar Gemüse angebaut. „Wir haben uns aus Leidenschaft fürs Gärtnern zusammengefunden. Es geht um eine gemeinschaftlich getragene Landwirtschaft, die nicht direkt für den Markt produziert, sondern mit den Abnehmerinnen und Abnehmern“, erklärt „Ackerilla“-Mitgründer Winfried Meyer das Konzept – sie alle eint die Suche nach einem Weg aus der Massenproduktion und spezialisierten Landwirtschaft.

 Freistaat Sachsen

Immer mehr Öko-Betriebe mit Hofverarbeitung in Sachsen

Dass immer mehr Menschen ihren eigenen Weg zu saisonalen, ökologischen und regionalen Lebensmitteln gehen, verdeutlicht unter anderem der Agrarbericht. So ist die „Ackerilla“ eine von mittlerweile 22 Solawi-Projekten in Sachsen. Daneben stieg die Zahl der landwirtschaftlichen Öko-Betriebe mit eigener Hofverarbeitung in den vergangenen fünf Jahren von 65 auf 102, es gibt schon knapp 500 Direktvermarkter. Außerdem weist das im Jahr 2017 ins Leben gerufene Verbraucherportal „Regionales Sachsen“ inzwischen 350 Einträge von regionalen Anbietern sowie 60 Regionalinitiativen auf. Das alles sind Höchstmarken in der jüngeren Zeit.

Kein Wunder, dass das Interesse auch an der „Ackerilla“ immerzu wächst. „Der Grundgedanke ist, dass sich Menschen für ein Jahr verpflichten, unser Gemüse abzunehmen. Damit bekommen wir eine gewisse Planungssicherheit“, sagt Isabel Matthias, die einen Bachelor in Literatur und Philosophie besitzt. Interessenten können halbe oder ganze Anteile erwerben. Diejenigen, die ein höheres Einkommen haben, zahlen etwas mehr – um das Angebot auch anderen zu ermöglichen.

Im Frühjahr waren 40 Anteile vergeben, momentan sind es bereits 82,5 Anteile, von denen einer im Durchschnitt 85 Euro pro Monat kostet. Für das Geld gibt es über das ganze Jahr einmal pro Woche frische Ware, die an Verteilstationen in Leipzig und Taucha ausgeliefert wird und dann dort abzuholen ist. Zuletzt lagen beispielsweise ein Kürbis, ein Kohlrabi, Tomaten, Salat, Radieschen, Poree, Kartoffeln, Knoblauch und Pastinaken in der Gemüsekiste, die für zwei bis drei Personen reichen soll.

Allein in der Leipziger Umgebung arbeitet mindestens ein halbes Dutzend Betriebe auf diese – oder eine ähnliche – Weise. Hinzu kommen weitere regionale Produzenten wie Gärtnereien, Molkereien, Biofleischer oder Fischer, die ihre Waren häufig direkt an Läden und Restaurants liefern oder auf Wochenmärkten anbieten. Die Bedeutung nimmt stark zu, stellt der Hotel- und Gaststättenverband Dehoga Sachsen fest.

Torsten Grahl, Inhaber des Gasthauses Barthels Hof in Leipzig, erklärt: „Wir nehmen nur Produkte aus der Region und verarbeiten hauptsächlich saisonale Produkte. Da wir mit der Regionalität werben, kommen gerade deshalb viele Gäste zu uns.“ Andere setzen auf Biosiegel oder ökologischer Produktion: Im Restaurant Pekar in Altlindenau kommt beispielsweise Gemüse aus dem „Annalinde“-Gemeinschaftsgarten auf die Teller, im Restaurant Max Enk von „Ernte-mich“.

Doch die Region setzt sich nicht nur im Kleinen, sondern auch in Großküchen durch – etwa bei Porsche, in dessen Leipziger Werk jeden Tag 3500 Essen ausgegeben werden. „Wir haben in den Kantinen bereits regionale Produkte im Angebot. Unser Ziel ist es, dieses Angebot in den kommenden zwei Jahren weiter auszubauen“, sagt Norbert Riesebeck, der Leiter der Porsche-Werksverpflegung. Seine Devise lautet: saisonale Produkte, kurze Transportwege sowie Reduktion von Verpackungsmüll.

Ähnlich handhabt es die Kirow-Kantine am Alten Kesselhaus in Leipzig, die unter anderem mit „Ernte-mich“, „Annalinde“ und der Hofmolkerei Bennewitz zusammenarbeitet.

Solidarische Landwirtschaft will langsam wachsen

Für die „Ackerilla“ sind solche Kooperationen – zumindest momentan – einige Nummern zu groß. Im kommenden Jahr soll zunächst die Zahl der Anteile auf 150 fast verdoppelt werden. Damit würde Isabel Matthias auch ihrem Ziel, von der Solawi leben zu können, einen großen Schritt näher kommen. Aktuell muss die 31-Jährige noch durch das Jobcenter aufstocken lassen, auch wenn dessen Beihilfe durch die gestiegene Nachfrage bereits deutlich reduziert werden konnte.

Dass die Entwicklung weiterhin so gut verläuft, legt nicht nur das wachsende Interesse an regionalen und ökologischen Produkten nahe. Titus Bahner, Vorstand der bundesweit agierenden Kulturland-Genossenschaft, stellt der „Ackerilla“ bereits ein ausgezeichnetes Zeugnis aus: „Diese Menschen sind unglaublich engagiert und sehr qualifiziert.“

Info
Ein Interview mit Sachsens Landwirtschaftsminister Günther zum Thema finden Sie auf lvz.de.

Wegweiser zur Nachhaltigkeit

Hier finden Sie mehr Informationen zum Thema nachhaltige Landwirtschaft und Regionalvermarktung:
www.solidarische-landwirtschaft.org
crowdinvest.ackerilla.de/de/campaigns/solawi-ackerilla
www.ernaehrungsrat-leipzig.org
www.marktschwaermer.de
www.regionales.sachsen.de
www.sächsischgut.de
Der Ernährungsrat Leipzig lädt am 10. November (17 bis 19.45 Uhr) zum digitalen Forum „Gutes Essen für Alle“ ein. Im Fokus der Veranstaltung stehen aktuelle Entwicklungen und mögliche Schritte auf dem Weg zu einer Regionalmarke für die Region Leipzig, die von der AG Wertschöpfungsketten vorgestellt werden. Das Forum erfolgt digital via Zoom (Link nach Anmeldung über Website www.ernaehrungsrat-leipzig.org).